Unterschied zwischen Anlaufmoment und Betriebsmoment

Vergleich von Anlaufmoment und Betriebsmoment bei Motoren und Getrieben; Berechnung, Anzeichen für unzureichendes Drehmoment und Tipps zur Auswahl von Antriebssystemen.
Was ist der Unterschied zwischen Anlaufmoment und Betriebsdrehmoment?
Anlaufmoment und Betriebsdrehmoment sind zwei wichtige Parameter bei der Auswahl von Motoren, Getriebemotoren und Getrieben. Das Betriebsdrehmoment gibt die erforderliche Kraft an, damit die Maschine im Betrieb bleibt, während das Anlaufmoment den anfänglichen Widerstand überwinden und die gesamte Mechanik beschleunigen muss.
Wenn die Auswahl nur auf Basis der Leistung oder des Betriebsdrehmoments erfolgt, läuft der Motor nach Erreichen der Nenndrehzahl möglicherweise stabil, verfügt jedoch nicht über ausreichend Kraft, um die Last anzufahren.
Was ist das Anlaufmoment?
Das Anlaufmoment ist das Drehmoment, das der Motor zum Zeitpunkt des Anlaufens erzeugt, wenn die Wellendrehzahl gleich oder nahezu null ist.
Bei direkt anlaufenden Asynchronmotoren wird dieser Parameter auch wie folgt bezeichnet:
Anlaufmoment
Anzugsmoment (Locked-rotor torque)
Anlaufmoment
Anzugsmoment
Das Anlaufmoment muss gleichzeitig zwei Aufgaben erfüllen:
Überwindung des Lastwiderstands im Stillstand.
Beschleunigung des Motors und der Maschinenmechanik auf die erforderliche Drehzahl.
Die Anlauffähigkeit eines Motors hängt nicht nur von der Nennleistung ab, sondern auch von der Drehmoment-Drehzahl-Kennlinie, der Spannung, der Anlaufmethode und der Last der Maschine. Die IEC 60034-12 klassifiziert die Anlaufeigenschaften von Drehstrom-Asynchronmotoren separat, einschließlich des Drehmoments und des Stroms bei blockiertem Rotor.
Was ist das Betriebsdrehmoment?
Das Betriebsdrehmoment ist das Drehmoment, das erforderlich ist, damit die Maschine unter normalen Betriebsbedingungen funktionsfähig bleibt.
Es ist wichtig, zwischen zwei Begriffen zu unterscheiden:
Lastmoment: Das Drehmoment, das die Maschinenmechanik zu einem bestimmten Zeitpunkt erfordert.
Nenndrehmoment: Das Drehmoment, das der Motor oder das Getriebe unter Nennbedingungen kontinuierlich abgeben kann.
Im stabilen Betrieb ist das Motordrehmoment im Gleichgewicht mit dem Lastmoment und den mechanischen Verlusten. In diesem Zustand ist die Drehzahl nahezu konstant.
Das Nenndrehmoment des Motors kann näherungsweise aus Leistung und Drehzahl berechnet werden:
T = 9.550 × P / n
Dabei gilt:
T: Drehmoment, Nm
P: Leistung, kW
n: Drehzahl, U/min
Beispiel: Ein 1,5 kW Motor, der mit 1.450 U/min läuft, hat ein Nenndrehmoment von etwa:
T = 9.550 × 1,5 / 1.450 ≈ 9,88 Nm
Vergleich zwischen Anlaufmoment und Betriebsdrehmoment
Kriterium | Anlaufmoment | Betriebsdrehmoment |
|---|---|---|
Zeitpunkt des Auftretens | Beim Anlaufen des Motors | Während des Maschinenbetriebs |
Wellendrehzahl | Gleich oder nahe 0 | Bei Betriebsdrehzahl |
Zweck | Überwindung des Widerstands und Lastbeschleunigung | Aufrechterhaltung der Bewegung |
Dauer der Einwirkung | Kurzzeitig | Kontinuierlich oder zyklisch |
Hauptabhängigkeit | Motoreigenschaften, Stromversorgung, Anlaufmethode | Lasteigenschaften, Drehzahl und Wirkungsgrad |
Risiko bei unzureichendem Drehmoment | Motor läuft nicht an, Stromanstieg, Überhitzungsgefahr | Drehzahlabfall, Überlastung oder Stillstand |
Auswirkung auf das Getriebe | Erzeugt Spitzendrehmoment beim Anlauf | Erzeugt Dauerbelastung auf Zahnräder und Lager |
Warum kann das Anlaufmoment größer sein als das Betriebsmoment?
Wenn die Maschine im stationären Betrieb läuft, muss der Motor hauptsächlich das Drehmoment zur Überwindung der Last und der mechanischen Verluste aufbringen.
Beim Anlauf muss der Motor zusätzlich beschleunigen:
Den Motorrotor
Zahnräder und Wellen
Kupplungen
Kettenräder, Riemenscheiben oder Seiltrommeln
Förderbänder und Material
Rührwerke
Die gesamte rotierende oder bewegte Masse der Maschine
Die grundlegende dynamische Beziehung lautet:
Tmotor − Tlast = J × α
Dabei bedeuten:
Tmotor: Motormoment
Tlast: Lastmoment
J: reduziertes Trägheitsmoment
α: Winkelbeschleunigung
Die Differenz zwischen Motormoment und Lastmoment wird zur Beschleunigung des Systems genutzt. Wenn das Motormoment nur dem Lastmoment entspricht, verfügt die Maschine über kein überschüssiges Drehmoment zur Beschleunigung. Das Verhältnis zwischen Gesamtmoment, Trägheitsmoment und Winkelbeschleunigung ist das Grundprinzip elektrischer Antriebssysteme.
Ist das Anlaufmoment immer größer als das Betriebsmoment?
Nicht jede Anwendung erfordert ein Anlaufmoment, das wesentlich höher ist als das Betriebsmoment.
Das erforderliche Drehmoment hängt von der Lastcharakteristik ab.
Maschinentyp | Anlaufmomentcharakteristik |
|---|---|
Radialventilator | Meist niedrig bei niedriger Drehzahl |
Kreiselpumpe | Steigt meist mit der Drehzahl |
Leerlaufendes Förderband | Niedrig bis mittel |
Unter Last anlaufendes Förderband | Kann hoch sein |
Schrägförderer | Hoch aufgrund von Halte- und Hebelast |
Rührwerk | Abhängig von Viskosität und Materialzustand |
Schneckenförderer | Meist hoch bei Anlauf mit Material |
Brecher | Hoch und kann Stoßlasten beinhalten |
Seiltrommel, Winde | Abhängig von Last, Trommelradius und Bewegungsrichtung |
Hebezeug | Erfordert Prüfung von Last, Bremse und Haltefähigkeit |
Daher sollte kein festes Anlaufmomentverhältnis auf alle Maschinen angewendet werden.
Wie hängen das Anlaufmoment des Motors und das Getriebe zusammen?
Ein Getriebe reduziert die Drehzahl und erhöht das Drehmoment an der Abtriebswelle.
Das Abtriebsdrehmoment kann wie folgt abgeschätzt werden:
T₂ ≈ T₁ × i × η
Dabei ist:
T₁: Drehmoment an der Motorwelle
T₂: Drehmoment an der Getriebeabtriebswelle
i: Übersetzungsverhältnis
η: Wirkungsgrad des Getriebes
Das Verhältnis zwischen Übersetzungsverhältnis, Drehzahl und Drehmoment ist die Grundlage für Antriebssysteme mit Getriebe. Die auf die Motorseite bezogene Trägheitslast ändert sich ebenfalls mit dem Quadrat des Übersetzungsverhältnisses.
Beispiel: Ein Motor erzeugt ein Anlaufmoment von 15 Nm, das Getriebe hat ein Übersetzungsverhältnis von 20 und einen Gesamtwirkungsgrad von 90%:
T₂ ≈ 15 × 20 × 0,9 = 270 Nm
Es darf jedoch nicht allein aus diesem Ergebnis geschlossen werden, dass das Getriebe geeignet ist. Folgende Punkte müssen zusätzlich geprüft werden:
Zulässiges kontinuierliches Abtriebsdrehmoment
Zulässiges maximales Drehmoment
Anlaufmoment oder Spitzendrehmoment
Anzahl der Anläufe pro Stunde
Stoßbelastung
Radial- und Axiallasten
Lebensdauer von Lagern und Zahnrädern
Ein Getriebe mit ausreichendem Betriebsdrehmoment kann dennoch überlastet werden, wenn das Anlaufmoment oder Stoßmoment die kurzzeitigen Grenzwerte überschreitet.
Einfluss der Anlaufmethode
Direktanlauf
Der Motor erhält die volle Netzspannung und erzeugt ein Anlaufmoment gemäß seiner Auslegung. Der Anlaufstrom ist in der Regel hoch, daher müssen die Stromversorgung, die Schaltgeräte und die Belastbarkeit des Mechanismus überprüft werden.
Stern-Dreieck-Anlauf
Die Spannung an jeder Wicklung ist während der Sternschaltung niedriger als im Dreiecksbetrieb. Das Anlaufmoment reduziert sich daher erheblich.
Diese Methode ist nicht geeignet, wenn die Last bereits aus dem Stillstand ein hohes Drehmoment erfordert.
Sanftanlauf
Ein Sanftanlasser reduziert die Spannung während des Hochlaufs, um den Strom und mechanische Stöße zu begrenzen. Wenn die Spannung sinkt, verringert sich auch das Anlaufmoment des Asynchronmotors.
Daher müssen die Spannungsrampe und die Anfangsspannung entsprechend der Last eingestellt werden.
Frequenzumrichter
Ein Frequenzumrichter steuert Spannung, Frequenz und Motorstrom während des Anlaufs. Die Fähigkeit zur Drehmomentbildung bei niedriger Drehzahl hängt ab von:
U/f-Kennlinie oder Vektorregelung
Strombegrenzung
Motorparametern
Ergebnissen des Autotunings
Beschleunigungszeit
Überlastfähigkeit des Frequenzumrichters
Kühlzustand des Motors
Das Anlaufmoment bei Verwendung eines Frequenzumrichters sollte nicht allein anhand des Blockierstrommoments (locked-rotor torque) des Motors beim Direktanlauf bewertet werden.
Was passiert, wenn das Anlaufmoment nicht ausreicht?
Häufige Anzeichen sind:
Motor steht unter Spannung, dreht sich aber nicht
Motor dreht beim Anlauf sehr langsam
Hoher Stromanstieg
Überlastrelais oder Frequenzumrichter melden Überstrom
Anlauf im Leerlauf möglich, aber nicht unter Last
Beschleunigungszeit zu lang
Motor erwärmt sich schnell
Bremse ist gelöst, aber die Last bewegt sich nicht
Förderband ruckelt und bleibt stehen
Kupplungen, Ketten oder Riemen vibrieren stark
Wird ein Motor über einen längeren Zeitraum bei sehr niedriger Drehzahl gehalten, können Strom und Temperatur schnell ansteigen, was die Lebensdauer der Wicklungen verkürzt.
Warum startet ein Motor trotz ausreichender Leistung nicht?
Ein Motor mit korrekter Nennleistung kann aus folgenden Gründen möglicherweise nicht anlaufen:
Das Anlaufmoment ist niedriger als das Lastmoment
Die eingestellte Beschleunigungszeit ist zu kurz
Die Strombegrenzung des Frequenzumrichters ist zu niedrig eingestellt
Spannungsabfall in der Versorgungsleitung
Falsche Stern-Dreieck-Schaltung
Elektromagnetische Bremse hat nicht vollständig gelöst
Mechanische Blockade der Last
Lager oder Getriebe sind schwergängig
Zahnräder, Ketten oder Riemenscheiben sind falsch montiert
Materialablagerungen in Förderschnecken oder Rührwerken
Das Trägheitsmoment der Last ist zu groß
Das Getriebe hat ein ungeeignetes Übersetzungsverhältnis
Daher sollte nicht sofort die Motorleistung erhöht werden, ohne die Ursache genau bestimmt zu haben.
Auswahl von Motor und Getriebe nach Drehmoment
1. Bestimmung des Betriebsdrehmoments
Berechnen Sie das erforderliche Drehmoment, damit die Maschine den Betrieb bei der gewünschten Drehzahl aufrechterhalten kann.
2. Bestimmung des Anlaufmoments
Prüfen Sie, ob die Last im Leerlauf oder unter Volllast anläuft und ob Haftreibung, Hubkräfte, verfestigtes Material oder ein anfänglicher Gegendruck vorliegen.
3. Berechnung des Trägheitsmoments
Bewerten Sie Masse und Abmessungen rotierender Teile wie Trommeln, Schwungräder, Drehtische, Riemenscheiben und Wellen.
4. Bestimmung der Beschleunigungszeit
Je kürzer die Beschleunigungszeit, desto höher ist das erforderliche Beschleunigungsmoment.
5. Überprüfung der Motor- und Steuerungseigenschaften
Es muss sichergestellt werden, dass der Motor und die Steuerung während des gesamten Beschleunigungsvorgangs ausreichend Drehmoment erzeugen können, nicht nur zum Zeitpunkt des Starts.
6. Überprüfung des Getriebes
Das Getriebe muss folgende Anforderungen erfüllen:
Dauerdrehmoment
Anlaufmoment
Spitzendrehmoment
Anlaufzyklus
Stoßbelastung
Externe Wellenbelastung
7. Überprüfung von Bremse und Rücklaufsperre
Bei geneigten Förderbändern, Winden oder Hebezeugen muss zusätzlich die Fähigkeit zur Lastsicherung bei Motorstillstand oder Stromausfall geprüft werden.
Häufige Fehler bei der Auswahl
Auswahl nur nach kW-Leistung
Die Leistung gibt keinen vollständigen Aufschluss über das Anlaufverhalten. Zwei Motoren mit gleicher Leistung können unterschiedliche Anlaufmomentkennlinien aufweisen.
Nur Prüfung des Nenndrehmoments
Das Nenndrehmoment steht für den stabilen Betrieb und ersetzt nicht die Prüfung des Anlauf- und Spitzendrehmoments.
Annahme, dass ein größeres Getriebe immer besser ist
Ein größeres Getriebe kann zwar die Belastbarkeit erhöhen, vergrößert jedoch auch Trägheit, Abmessungen und Kosten. Die Auswahl muss exakt auf die tatsächliche Last abgestimmt sein.
Zu kurze Beschleunigungszeit
Eine kurze Beschleunigungszeit erhöht das erforderliche Beschleunigungsmoment und den Strombedarf.
Vernachlässigung des Lastzustands beim Anlauf
Eine leere Förderschnecke und eine mit Material gefüllte Förderschnecke haben sehr unterschiedliche Anlaufanforderungen.
Verwendung des Spitzendrehmoments für den Dauerbetrieb
Das Spitzendrehmoment darf in der Regel nur kurzzeitig auftreten. Es darf nicht als Ersatz für das Dauerdrehmoment verwendet werden.
Häufig gestellte Fragen
Ist das Anlaufmoment das maximale Drehmoment?
Nein. Das Anlaufmoment ist das Drehmoment zum Zeitpunkt, an dem die Drehzahl null ist. Das maximale Drehmoment kann bei einer anderen Drehzahl auf der Kennlinie des Motors auftreten.
Ist das Betriebsdrehmoment das Nenndrehmoment?
Nicht unbedingt. Das Betriebsdrehmoment ist das tatsächliche Drehmoment, das die Last erfordert. Das Nenndrehmoment ist die kontinuierliche Leistungsfähigkeit des Motors oder Getriebes unter Nennbedingungen.
Reicht es aus, wenn der Motor ein höheres Nenndrehmoment als die Last hat?
Nein. Es müssen zusätzlich das Anlaufmoment, die Beschleunigungszeit, das Lastträgheitsmoment und das maximale Drehmoment überprüft werden.
Hilft eine Erhöhung des Übersetzungsverhältnisses beim Anlaufen des Motors?
Eine Erhöhung des Übersetzungsverhältnisses erhöht in der Regel das Drehmoment an der Abtriebswelle und verringert das auf die Motorseite bezogene Lastmoment. Die Abtriebsdrehzahl sinkt jedoch, und die Belastungsgrenzen des Getriebes müssen überprüft werden.
Erhöht ein Frequenzumrichter das Anlaufmoment?
Ein Frequenzumrichter kann die Drehmomentregelung bei niedrigen Drehzahlen verbessern, wenn er korrekt ausgewählt und eingestellt ist. Die tatsächliche Leistungsfähigkeit bleibt jedoch durch den Strom, den Motor, den Regelungsmodus und die Überlastfähigkeit des Frequenzumrichters begrenzt.
Kann ein Getriebe für das Betriebsdrehmoment ausreichen, aber beim Anlaufmoment versagen?
Ja. Das Getriebe kann für die Dauerlast ausgelegt sein, aber nicht ausreichen, um die Drehmomentspitzen beim Anlauf, bei Lastblockaden oder bei Drehrichtungsumkehr zu bewältigen.
MDriveTech Beratung zur Auswahl von Motoren und Getrieben
MDriveTech unterstützt bei der Auswahl von Getriebemotoren und Getrieben der Marken DSK, Nara Samyang und NK für:
Förderbänder
Schneckenförderer
Rührwerke
Verpackungsmaschinen
Wickler
Drehtische
Hebezeuge
Industrielle Antriebssysteme
Für eine präzise Auswahl sollten Kunden folgende Angaben bereitstellen:
Motorleistung und Drehzahl
Abtriebsdrehzahl
Drehmoment oder Lastcharakteristik
Anlauf unter Leer- oder Volllast
Beschleunigungszeit
Anzahl der Starts pro Stunde
Vorhandensein von Stoßbelastungen oder Drehrichtungsumkehr
Bauform und Wellenabmessungen
Fotos oder Maschinenzeichnungen
Hotline: 0868 789 647
E-Mail: [email protected]
Fazit
Das Anlaufmoment ist das erforderliche Drehmoment, um den anfänglichen Widerstand zu überwinden und das System zu beschleunigen. Das Betriebsdrehmoment ist das Drehmoment, das benötigt wird, um die Maschine bei der geforderten Drehzahl zu betreiben.
Bei der Auswahl von Motoren und Getrieben müssen das Anlaufmoment, das Betriebsdrehmoment, das maximale Drehmoment, das Lastträgheitsmoment, die Beschleunigungszeit und der Betriebszyklus gleichzeitig überprüft werden. Eine reine Auswahl nach kW-Leistung kann dazu führen, dass das System zwar über genügend Leistung verfügt, aber dennoch nicht anlaufen kann.







